27. Februar 2016

Mithat Mujovic sieht keinen Widerspruch darin, sich bestens zu integrieren und gleichzeitig die eigene ethnische Identität und Kultur zu pflegen.

Mit der Veranstaltung “Tage der Bosniaken” möchte man die Austro-Bosniaken besser untereinander vernetzen.

 
Wien. Das bosniakische Kulturzentrum und Gebetsraum El-Ihsan (das bedeutet die Wohltätigkeit auf arabisch) in der Troststraße 77, Favoriten, ist von außen so gut wie gar nicht zu erkennen. Eine weiße Tür an der Ecke zur Fernkorngasse leitet in einen grün und weiß eingerichteten Halb-Keller des Hauses. Erst beim Betreten merkt man, dass hier unten reger Betrieb herrscht. An der Wand neben den Stiegen hängt das Plakat für die zweitägige Veranstaltung “Tage der Bosniaken”.

Sie findet seit gestern im Veranstaltungszentrum der Per-Albin-Hanson-Siedlung, ebenfalls Favoriten, statt. Nach den Stiegen gelangt man in einen kleinen Vorraum, wo man seine Schuhe ausziehen und in einem der Schränke verstauen kann. Geradeaus, im großen Raum, der auch als Gebetsraum dient, befinden sich ein junges Brautpaar und die Zeugen, die auf den Imam warten, damit dieser sie islamisch traut. Im kleinen Raum rechts sitzt Mithat Mujovic, 38, grauer Anzug, gepflegter Vollbart. Er ist mitverantwortlich für die Veranstaltung.

5000 Personen mit Wurzeln im Sandschak leben in Wien
“Wir wollen primär unsere Leute untereinander besser vernetzen. Wir wollen ihnen aber auch zeigen, dass man auch hier in Österreich die eigene, sandschakische Kultur mit Stolz leben kann”, so Mujovic. Laut seinen Schätzungen leben in Österreich etwa 7000 Personen, die ihre Wurzeln im Sandschak haben – einer geographischen Region im Südwesten Serbiens und Nordosten Montenegros. Etwa 5000 von ihnen haben ihren Wohnsitz in Wien.

Da bei der Einreise und Einbürgerung nur Daten über die Staatsbürgerschaft und nicht über die ethnische Zugehörigkeit erhoben werden, gibt es keine offiziellen Zahlen dazu. Für diese kleine Community ist die Veranstaltung gedacht. Mujovic selber wurde 1977 in der serbischen Stadt Tutin, Region Sandschak, geboren und kam 2000 als Imam nach Wien. Mittlerweile hat er diese Funktion abgelegt. 2011 wurde er als ehrenamtlicher Präsident der Vereinigung der Sandschakischen Diaspora (Zajednica Sandzacke Dijaspore, ZSD) gewählt und kümmert sich seitdem um die kulturellen, religiösen und nationalen Belange der schätzungsweise 250.000 in der Diaspora lebenden Bosniaken. Für ihn ist es kein Widerspruch, in Österreich bestens integriert zu sein und die ethnische Identität, Kultur und Sprache am Leben zu erhalten. Um das Verständnis dafür zu erhöhen, wurden die “Tage der Bosniaken” ins Leben gerufen.

2013 fand die erste derartige Veranstaltung statt, seitdem wird sie jährlich organisiert. Der Ablauf ist dabei immer der Gleiche: Am ersten Tag gibt es Vorträge von führenden bosniakischen Akademikern, wie zum Beispiel den Präsidenten der Islamischen Gemeinschaft in Serbien, Dr. Mevlud Dudic, oder Mufti Muamer Zukorlic. Diese Vorträge haben den Zweck, die Identität, das Zugehörigkeitsgefühl und das Wissen über die eigene Vergangenheit zu stärken.

Am zweiten Tag dreht sich alles um Kultur. Unter anderem werden sandschakische Lieder und Tänze aufgeführt und traditionelle Gerichte verkostet, darunter die am Balkan beliebten und bekannten sandschakischen Mantije, mit Fleisch gefüllte Teigbällchen. Für den kulturellen Teil ist der Verein IKI Wien zuständig. Man möchte damit vor allem die Jugendlichen erreichen. “Wir wollen, dass die Jugend über ihre Herkunft aber auch über die gemeinsame Geschichte mit Österreich lernt”, sagt Mujovic.

Vor allem die Jugendlichen sollen erreicht werden
Es sei ihm wichtig, dass die Menschen verstehen, dass Sandschaken und Bosniaken ein und dieselbe ethnische Gruppe sind. Der Begriff Sandschake bezieht sich auf die Muslime, die in der Region Sandschak leben, während Bosniaken all jene Muslime sind, die in Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Mazedonien leben. “Wir sind alle Bosniaken”, sagt Mujovic dazu. “Der Sandschak war Teil von Bosnien und Herzegowina, bis er beim Berliner Kongress 1878 abgetrennt wurde. Bosnien, bis dahin Teil des Osmanischen Reichs, kam unter austro-ungarische Herrschaft, der Sandschak nicht”, erklärt Mujovic. Es ist ihm wichtig, dass die Jugendlichen das lernen. Viele der knapp 1000 Besucher der Veranstaltung kommen aus Bosnien, was auch durchaus erwünscht ist: “Wir wollen die Vernetzung zwischen den Bosniaken aus dem Sandschak und jenen aus Bosnien fördern. Wir sind das gleiche Volk, getrennt durch verschiedene Staatsbürgerschaften”, so Mujovic.

Die sandschakische Community in Österreich ist relativ klein, doch trotzdem sehr aktiv. Die ersten Sandschaken kamen mit den großen Gastarbeiter-Strömen. Mitte der 1990er Jahre begannen sie sich zu vereinen und organisieren. In der Leopoldsgasse in Wien Leopoldstadt, eröffneten sie 1996 den Verein “Freunde des Sandschak”. “2012 wurde diese Räumlichkeit hier im zehnten Bezirk aufgemacht”, sagt Mujovic. Und 2015 sperrte der dritte Verein, “Et-Taqwa”, in der Voitgasse 21 in der Donaustadt seine Türen auf. Dazu kamen noch einzelne Lokale und Restaurants, wo man sich traf, wie das für seine Cevapcici berühmte “Saloon” auf der Ottakringerstraße. “Wir haben ein sehr gutes und stabiles Fundament gelegt.

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